| Traumedo Edotraum | |
| Wer hatte ihn nicht schon? Den Traum, einen Drachen zu bauen, der einmalig ist, der noch nie da gewesen ist, einfach einen traumhaft schönen Drachen. Eine Möglichkeit, sich solch einem Traumobjekt zu nähern, einen besonderen Drachen zu entwickeln, bieten Drachenwettbewerbe. Bei uns in Deutschland werden diese Meisterschaften von der Interessengemeinschaft „IG DM" jährlich abgehalten. In diesem Rahmen kann man einen Drachen vorzustellen und den Vergleich, den Wettbewerb mit anderen Drachenbauern suchen. Für einen Wettbewerb gibt man sein Bestes, man strengt sich an und versucht über sich selbst hinaus zu wachsen, zumindest seine Grenzen auszuloten. Auch international gibt es verschiedene Contests, zum Beispiel mit wechselnden Themen beim Drachenfest in Dieppe, die Meisterschaften der AKA oder die „best kite of show" Prämierungen großer Drachenfeste. | |
| Der Wettbewerb Im März dieses Jahres wurde durch eine Gruppe junger Architektinnen aus New York ein Wettbewerb ins Leben gerufen, der weder einen besonderen Drachentyp noch ein bestimmtes Thema zum Inhalt hatte. Vielmehr wurde die Berufsgruppe der Architekten herausgefordert, sich mit dem Thema Drachenbau und Drachenflug auseinander zu setzen. Als ich auf diesen Wettbewerb aufmerksam wurde, kreisten meine Gedanken unablässig um das Thema „New York" meine Phantasie reichte aus, mich drachensteigender Weise im Central Park von New York wieder zu finden. In einer schlaflosen Nacht verdichtete sich das Bild, einen Drachen zu entwickeln, der diese Metropole, die ich noch nie besucht hatte, zum Thema hatte. Die wesentlichen Merkmale der Stadt, das Wasser um Manhattan herum, die dichte Bebauung mit Wolkenkratzern, die Straßen dazwischen und der Himmel darüber sollten in einer Verdichtung und Abstraktion dargestellt werden. Zur Steigerung der Dramatik und Dynamisierung der Vertikalen sollte eine Vogelperspektive eingesetzt werden, bei der sich alle senkrechten Linien in einem Fluchtpunkt außerhalb des Bildes treffen. Ein weiteres Stilmittel war die Verschiebung und Verzerrung der kubischen raumbildenden Elemente, die durch sonnig helle und schattig dunkle Flächen dargestellt wurden. | |
| Die Idee Die Farbigkeit des Drachens sollte weder das Blau des Himmels noch das Grau der Häuser oder das Grün der Bäume aufnehmen, sondern genau dazu den Kontrast finden. Was lag also näher, als verschiedene Rottöne zu wählen, kombiniert mit transparenten und reflektierenden Flächen für Himmel und Wasser. Schnell waren erste Überlegungen im Skizzenblock aufgerissen und ausgearbeitet. Eine davon wurde ausgewählt und per Scan in das CAD übertragen. Hier konnten nochmals die drei Fluchtpunkte der Perspektive korrigiert und die Verteilung der verschiedenen Materialien im Segel ohne großen Zeitaufwand ausprobiert werden. Jetzt war es nur noch eine Fleißarbeit, die Überlappungen der Segelteile anzulegen und den 1:1-Ausdruck herzustellen. | |
| Das Modell Aber wenn man das Ziel hat, einen besonderen Drachen herzustellen, sollte man spätestens an dieser Stelle eine Pause einlegen, den Entwurf auf die Seite legen, mit Vertrauten und Freunden darüber sprechen und nochmals die verschieden Methoden und Ansätze abwägen. Ich habe in dieser Zeit mit einem 1:10-Ausdruck ein Modell des Drachens erstellt. Dazu legt man eine transparente, einseitig klebende Bucheinbindefolie über den Ausdruck, schneidet die einzelnen Segelteile zu und montiert sie direkt auf den Klebefilm. Dies ist eine einfache und sehr effektive Methode, einen Entwurf vor der Realisierung zu prüfen. Mit diesem Trick hat mir Ralf Maserski gezeigt, wie er seine Mosaikdrachen zusammen setzt. In Falle des New York Drachens stellte sich heraus, dass die räumliche Darstellung zu schwach war. Ich musste also auf das bereits für meinem Drachen „6 Farben Weiß“ entwickelte Doppelsegel zurückgreifen, um Schattenwirkung und Tiefe zu erreichen. | |
| Der Sponsor Nun konnte das Material beim Sponsor des Projektes, dem Team des Online Versands für Freizeitartikel www.Volango.de bestellt werden und die Umsetzung beginnen. Innerhalb kurzer Zeit erhielt ich die verschiedenen Stoffe sowie Folien, Leinen, Stäbe und Verbindungsmittel. Die Zeit drängte, es war bereits April. Die Segelteile wurden einzeln unter Beachtung des Fadenlaufs ausgeschnitten und auf einem 1:1- Ausdruck zusammengesetzt. Alle Teile wurden sofort mit Nitotape in 2 und 4 mm Breite geklebt. Die reflektierenden Segelteile sind ein Sandwich aus silbernem Chikara, Doppelklebefolie und der silbernen Seite einer Rettungsfolie. Diese Materialkombination ist in der Herstellung etwas „tricky“ und ist nur in kleineren Flächen und mit einem Helfer umzusetzen. | |
| Das Segel Nun werden die Klebekanten mit einem Doppelzickzackstich abgenäht. Die Sorge, dass das immerhin 3,30 m hohe und 1,25 m breite Segel an einer der Klebestellen aufgehen könnte, erwies sich als unbegründet, das Tape hielt alle Teile perfekt zusammen. Erstmals wurden die Dacronverstärkungen mit Segelmaterial kaschiert und mit Doppelklebefolie ohne zusätzliche Naht auf dem Segel angebracht. Mit einem umlaufenden Saum aus 30 mm breitem Nylon, hälftig gelegt und mit einer Doppelzickzacknaht fixiert sind die Arbeiten am Segel abgeschlossen. | |
| Die Spannschlaufen Jetzt werden alle Spannschlaufen mit einer engen Zickzacknaht auf die Verstärkungen genäht und die überstehenden Fadenenden sauber verwahrt. Besonders cool ist eine durchgängige Farbwahl, bei Rot gut machbar, da rote Polyesterleinen, rote Waageleinen, und rotes Klebedacron sowie roter Nähfaden einfach zu beschaffen sind. | |
| Die Querstabtasche Von Bas Vreeswijk stammt die Idee, den oberen und unteren Querstab in einer zusätzlich aufgenähten Tasche zu führen, das Segel wird durch die gleichmäßigere Zugverteilung glatter gespannt. Zum Schluss werden für die 14 bzw. 17 Waageanbindepunkte aus je ca. 50 cm Waageleine Schlaufen mit einer doppelten Bucht hergestellt und von der Rückseite auf die Segelvorderseite durchgefädelt. Die CFK-Stäbe, in unserem Fall 8 mm für die senkrechten und 6 mm für die queren und die diagonalen, werden auf Länge gebracht, durch die Buchtschlaufen geschoben und an den Schlaufen eingehängt. Die Splittnocken von Elliot haben sich hier bewährt, da sie sich aufgrund ihrer Geometrie nicht mehr ausfädeln. Direkt auf der Segelvorderseite werden die losen Enden der Waageanbindeleinen verknotet, dann wird ein weiterer Knoten im Abstand von ca. 10 - 15 cm gesetzt. Hier wird später die Waageleine angeknüpft | |
| Waagevorbereitung Jetzt kommt der Moment, vor dem die meisten Novizen zunächst zurückschrecken, doch „KEINE PANIK“ (vergl. D. Adams, Per Anhalter durch die Galaxis Band 1) Noch in der heimischen Drachenwerkstatt wird das pilotenseitige Ende der Waage vorbereitet. Vier bzw. fünf Waagesammelleinen werden mit einer großzügigen Schlaufe von ca. 15 cm ausgestattet. Genau 1.00 m, 1.10 m, 1.20 m, 1.30 m und 1.40 m hinter der Schlaufe werden Stoppknoten gesetzt, welche dann an der Hauptleine eingebuchtet werden. Bitte immer doppelte Buchten verwenden, diese gehen auch bei nachlassender Leinenspannung nicht auf. | |
| Waageaufbau Das zuvor beschriebene „Schnurset“ wird auf der Wiese ca. 25 - 35 m entfernt vom Drachen am Boden festgesteckt. Idealerweise steht am Rand der Wiese ein Baum, an dem unser Edo kopfabwärts unter ca. 30 ° angelehnt und festgebunden werden kann. Nun wird die erste Waageleine an einem Punkt der unteren Querreihe (also am Kopf, der Drachen steht um 180° gedreht) angebuchtet und zum Waageende abgerollt. Es ist wichtig, die Leine gerade abzurollen und auf keinen Fall Schnur seitlich über die Spule abzuziehen - unglaubliche Leinenverdrillungen und späteres Waagechaos wären unausweichlich. Vier weitere Gänge vom Drachen zum Waageende folgen. Jetzt werden diese 5 Leinen in der Hand gehalten, auf gleiche Länge gebracht und miteinander verknotet. Dieses Bündel wird unter leichter Spannung in die längste der Waagesammelleinen eingebuchtet. Gleiches gilt für die folgenden Reihen, wichtig ist immer die gleiche Leinenlänge in der Reihe und in etwa die gleiche Spannung in der Waagesammelleine. Mit etwas Übung kann man in weniger als einer Stunde alle Querreihen verknoten. Sollte jetzt zufällig ein Wind von 2 - 3 bft wehen, braucht man den Drachen nur umzudrehen, er wird zügig aufsteigen und ruhig am Himmel stehen. Jetzt hat man alle Zeit der Welt, nacheinander alle Knoten nochmals zu lösen, die einzelnen Reihen zu justieren und den Einstellwinkel über die Sammelleinen auszurichten. Dazu muss man lediglich zu lange Leinen anziehen und einen neuen Stoppknoten setzen, bis sich ein harmonisches Waagebild ergibt. | |
| Das Doppelsegel Wenn nach einigen Flugstunden genügend Druck auf der Waage war und die Leinen gereckt sind, wird man diese Arbeit wiederholen. Nach erfolgreichem Erstflug wird die Waage als Hexenleiter aufgenommen, am Ende gesichert und in das zerlegte Segel eingewickelt. Der in vielen Anleitungen erwähnte Waagerechen findet sich in keinem meiner Edos. Moderne Leinen wie die Cyclone PES oder die Ockert Blackline laufen so gut und mit so wenig Reibung, dass das Brettchen nur stört. Bei Baumwoll- oder Hanfwaagen mag es aber durchaus seine Berechtigung haben. Zu guter Letzt noch einige Anmerkungen zum Segel hinter dem Segel. Es besteht vollflächig aus Glasfasergaze, ist gesäumt und mit 3 Spannleinen zum Einhängen hinter dem Edosegel ausgestattet. Das Design ist minimiert, aber auf das Hauptsegel abgestimmt, schließlich sollen die Schatten das Gesamterscheinungsbild ergänzen und nicht zudecken. Die Flugeigenschaften eines Edo mit Zweitsegel sind deutlich schlechter als ohne, die Windbedingungen sollten schon sehr günstig sein, wenn solch ein Edotraum an den Himmel steigt. | |
| Der neue Namen Erst als wir in der ersten Maiwoche in New York angekommen waren, wurde mir klar, dass der zwischenzeitlich geänderte Name des Drachens, „City of Glass“ perfekt gewählt war. Die Geschichte des Romans von Paul Auster spielte genau in der Gegend von Manhattan, in der sich unser Hotel befand und wo auch der Drachenwettbewerb stattfinden sollte. Darüber hinaus waren die Organisatoren allesamt Absolventen der Columbia University gleich um die Ecke, an der der bekannteste amerikanische Schriftsteller der Gegenwart studiert hatte. | |
| Waageregeln:
1. Hexenleiter immer selbst knüpfen und lösen. 2. Waage nie über die Wiese oder den Strand ziehen, schon gar nicht für Richtungsänderungen. 3. Bei notwendigen Richtungsänderungen am Boden die Waage auf Spannung halten. 4. Ist tatsächlich mal ein Knäuel entstanden: „KEINE PANIK“ und Anweisung wie unter 5. befolgen 5. Waageende festpinnen, - ein Freund hält den Edo, bringt die Waage auf Spannung, - die Leinen können jetzt durch Zupfen voneinander gelöst werden. | |